Was genau beschreiben Economist und Handelsblatt? Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Arbeitsmärkte weltweit auch für High Potentials (nichts anderes sind Abgänger von Eliteuniversitäten) erstens unterschiedlich geprägt und zweitens in Teilen sehr herausfordernd sein können. Für die USA gilt auch Anfang 2025 unter einem neuen Präsidenten und angesichts starker wirtschaftlicher Anreize des Vorgängers ein sehr differenziertes Bild. MBA-Absolventen unter anderem von der Harvard Business School, MIT Sloan oder Stanford finden laut dem Artikel in der Tat derzeit schlechter eine Anstellung als noch die Jahre davor. Es ist von convulsions in the white collar industry die Rede. Diese treten allerdings zyklisch auf, es gibt sie so lange wie die Business Schools.
Dem kann man nur zustimmen, doch liegen die Gründe tiefer. Viele Universitäten haben offenbar die Studienschwerpunkte immer weiter aufgefächert, womöglich um dem Zeitgeist zu entsprechen oder um sich stärker voneinander abzusetzen. Schließlich leben die Universitäten in den USA viel stärker und häufiger von Gebühren als in Deutschland. Wer Studienschwerpunkte gewählt hat, deren Relevanz in der Praxis kaum, gar nicht oder (etwa aufgrund politischer Umschwünge) jetzt nicht mehr relevant ist, hat auch in den wirtschaftsstarken USA ein Problem. Vieles ging laut Economist in die falsche Richtung in der Ausrichtung der MBA-Inhalte, doch eine grundsätzliche Absage an den MBA-Abschluss ist im gegenwärtigen Trend nicht erkennbar.
Zyklen im Bewerbermarkt
Darüber hinaus mag es mit dem KI- und Tech-Boom den Trend geben, dass grundsätzlich Absolventen mit technischem Schwerpunkt gefragter sind, egal woher sie kommen. Dieses Phänomen würde den Elite-MBAs sowohl vom Fach als auch von der Alma Mater her das Wasser abgraben. Auch diese Wellen hat es in den USA, beispielsweise mit Blick auf das Silicon Valley oder staatliche Großprogramme wie das Rennen zum Mond mit Apollo, immer gegeben. Ähnliche Zyklen erleben wir auf dem deutschen Arbeitsmarkt auch. Man erinnere sich an die frühen 1990er Jahre, als es für viele Ingenieursberufe düster aussah. Einige Jahre später war der Ingenieursmangel zu beklagen. Ähnliches kann man in der Beratungsbranche beobachten. Läuft es im Consulting nicht so richtig, trifft es auch die Nachwuchs-Unternehmensberater. Wird weniger eingestellt, dann meist auf allen Ebenen, unter den Zurückgewiesenen befinden sich also manche Eliteabsolventen.
Zyklen im Arbeitsmarkt treffen dann auf Zyklen im Bewerbermarkt und können sich ungut hochschaukeln. Im aktuellen deutschen Arbeitsmarkt jedenfalls sehen wir die Auswirkungen einer allgemeinen Wirtschaftsschwäche. Hat diese Auswirkungen auf MBA-Absolventen deutscher und europäischer Spitzuniversitäten und Kaderschmieden – INSEAD, St. Gallen, IMD, LSE, TUM, WHU, HHL, ESMT und wie sie alle heißen? Darüber liegt uns keine aktuelle Statistik vor und vermutlich gibt es auch keine. Wahrscheinlich trifft eine ausgeprägte Schwächephase vieler Branchen alle Absolventen gleich. Sicher ist aber eines: Einen europäischen Arbeitsmarkt mit einem einheitlichen konjunkturellen Trend gibt es nicht. Allein daher schon dürfte auch die Erfolgsquote der Business Schools und Kaderschmieden pro Land uneinheitlich sein.
Für Absolventen gilt: die langfristige Perspektive beachten!
Ziehen wir ein vorsichtiges Zwischenfazit: Der Abgesang auf den Elite-MBA als garantierte Karriereschleuder kommt zu früh. Vielmehr ist die gegenwärtige Schwäche, wie alle davor liegenden, die Folge mehrerer Einflussfaktoren, die sich auch wieder ändern – sprich verbessern – können. Weiterhin bleibt es schwierig, den US-amerikanischen Arbeitsmarkt mit Europa oder speziell dem deutschen Arbeitsmarkt zu vergleichen, auch wenn dies manche Medien hartnäckig tun.
Ein Aspekt des Elite-MBAs bleibt allerdings in vielen Artikeln seltsam unbeleuchtet: Es ist die langfristige Perspektive. Viele Bewerberinnen und Bewerber waren und sind ab einem gewissen Punkt keine mehr, denn sie greifen auf ihr MBA-Alumninetzwerk zurück. Ich gehe hier sogar so weit zu sagen, dass aus unserer Erfahrung dieses Netzwerk und die Gelegenheit zum fortwährenden Netzwerken (neben dem eher diffus zu bewertenden Renommee der Hochschule) der eigentliche Clou des Elite-MBAs ist. Wenige unserer Klienten haben als MBA-Studenten die große fachliche oder wissenschaftliche Erleuchtung gehabt, zumindest wenn sie bereits mit einem ersten Abschluss und Berufserfahrung aufwarten konnten.
Vorteil für Bewerber: Netzwerken!
Der wahre Vorteil war und ist das Netzwerk, welches sich auftut, und obendrauf kommt die besondere Kompetenzvermutung im Markt, auch seitens Personalern und Headhuntern. Diese überdauert konjunkturelle Krisenphasen. Insoweit sollten Karriereinteressierte oder Erfolgsaffine sich durchaus weiterhin ernsthaft mit der Investition in einen MBA-Abschluss an einer Eliteuniversität beschäftigen. Kurzfristige Dellen und Wellen im Arbeitsmarkt oder Bewerbermarkt spielen nicht die entscheidende Rolle. Garantien gibt es im Berufsleben sowieso nicht, selbst Beamtenkarrieren können unerwartete Wendungen nehmen. Die Frage allerdings, welche Business School man auswählt, hängt von vielen Faktoren ab. Nur so viel: Nützt der Harvard-MBA mir, wenn ich in Deutschland in den deutschen Mittelstand gehe? Kann man mit einem MBA, pars pro toto der ESMT, direkt auf die Wall Street zugreifen? Ich weiß es nicht spontan, aber die MBA-Interessierten sollten der Antwort nachgehen.